Symbiose zwischen der Vitalität des Jazz und der Differenziertheit der Klassik

Die Gäste im Forum der Sparkasse der Homburgischen Gemeinden in Wiehl erwartete keine Klassik sondern Jazz-String und ausnahmslos aus der eigenen Feder des Ensembles. Durch den Abend zogen sich keine bekannten klassischen Melodien oder Jazz-Standards – „String Thing“ präsentierten ausschließlich Eigenkompositonen.

„String Thing“ in der Wiehler Sparkasse – Foto: Christian Melzer

Eine fantasievolle Musikreise mit vertrauten Streicher-Klängen, mitreißenden, filigranen Rhythmen und un-erhörten Improvisationen zog sich durch den Abend. Das perfekt eingespielte Ensemble präsentierte sich in sympathischer, lebendiger Spontaneität. Ihr Programm „Alma Latina“ umfasst, wie der Titel schon erraten lässt, Stücke, deren kompositorische Inspiration in der Musik Lateinamerikas liegt. Quirlig, bunt, leidenschaftlich – genauso wie auch die vier von „String Thing“ spielen. Ein groovendes Streichquartett mit spannenden, facettenreichen Kompositionen und einem vielfältigen akustischen Sound. Der virtuose Umgang mit den Instrumenten verbindet sich mit kreativer und dynamischer Interaktion.

Samba inspirierte das erste Stück „Caipirinha“ von Kontrabassist Jens Piezunka. Schon hier merkten die Gäste, dass die Kompositionen der Vier ein kunstvolles Spiel mit Ernst und Leichtigkeit, leidenschaftlich, rhythmisch, verspielt, melodiös und stimmungsvoll sind. Neben dem „normalen“ Klangspektrum ihrer Instrumente ergänzten sie dies noch mit einer Vielzahl von außergewöhnlichen Klangeffekten und Percussion auf den Instrumenten. Nicola Kruse ließ bei „Jolly Jumper“ sogar ihre Violine wiehern. Bei diesem Reggae-Stück handelt es sich um das Pferd von Komikfigur Lucky Luke.

Aus der Getränkereihe stammt auch „Samba Pastis“ von Ingmar Meissner. Der Tango gehört natürlich auch in so ein Latein-Programm und Nicola Kruse schrieb für den Bassisten dieses Stück, der es gerne scharf mag, deshalb „Tango TaBassco“. Nicht nur Getränke oder Komikfiguren fließen in die Kompositionen von „String Thing“ ein. Auch Familienmitglieder wurden bedacht. „Fine’s Waltz“ schrieb Jens Piezunka vor neun Jahren für seine Tochter. Die Ecken und Kanten in dem Stück haben sich, wie er sagt, auf eine sympathische Weise bewahrheitet. Auch seinen Sohn Milan bedachte er mit „Batkovs afro bulga“. Beeinflusst von afrikanischer und bulgarischer Volksmusik und einem Wort, das bei seinem Sohn, als Piezunka das Stück schrieb, „Quatschkopf“ heißen sollte. In Wiehl wurde dieses außergewöhnliche Stück zur Zugabe nach einem abwechslungsreichen, beeindruckenden Programm.

Auch Cellist Gunther Tiedemann baute familiäres in eine seiner Kompositionen. „Senora Marea“ scheint zunächst keinen persönlichen Bezug zu verraten, aber das Wort „marea“ bedeutet „Tiede“. Der Cellist entlockt seinem Instrument die erstaunlichsten Klangspektren. Interessant auch sein Stück „Cubism“, in dem sowohl Kubismus als auch Kuba stecken. Einen großen Bezug zu Brasilien haben die Stücke von Hajo Hoffmann, der zwischen 2004 und 2007 Violine im Quartett spielte und viele Eindrücke aus seiner Wahlheimat in seine Kompositionen einarbeitete. So in „Imagens de Angra dos Reis“ oder „Corhino do Leblon“. Corhino ist ein Musikstil, der gleichzeitig mit dem Tango entstanden ist und Leblon ein lebendiger, bunter Stadtteil von Rio de Janeiro. Auch Hajo Hoffmanns Nachfolger Ingmar Meissner ließ sich von der Musik Lateinamerikas inspirieren und komponierte „Samba Pastis“.

Ein wunderbarer Ausflug in die Musik der „String Thing“, die sich sowohl diesseits als auch jenseits des Grabens zwischen „U“ und „E“-Musik befindet. Kein Wunder, dass sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurden. Die überschaubare Gästeschar in der Sparkasse war sichtlich begeistert von der Spielfreude und den außergewöhnlichen Kompositionen.

Vera Marzinski

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Fotos: Christian Melzer

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