Eskalation beim „Gott des Gemetzels“ auf der Bühne

Das „Schau-Spiel-Studio Oberberg“ zeigt mit „Der Gott des Gemetzels“ ein Kabinettstück für vier Darsteller und einen Regisseur. Hervorragend umgesetzt ist dieses Schauspiel von Yasmina Reza. Eine simple Situation, nur vier Beteiligte, viele knappe Sätze, die jeweils wie ein Faustschlag sitzen. Und aus einem gediegenen Gespräch schaukelt sich die Situation hoch.

Politisch korrekt wollen sie sich verhalten, die beiden Elternpaare, deren Söhne aneinandergeraten sind. Hat Ferdinand doch dem armen Bruno mit einem Stock zwei Schneidezähne ausgeschlagen. Aber ist er der Täter, wo Bruno ihn doch erst beleidigt hat und ihn nicht in die „Bande“ aufnehmen wollte? Zunächst geht es noch gesittet zu zwischen den zwei Elternpaaren. Scheinbar reicht man sich die Hand zur Versöhnung, doch dann eskaliert die Lage. Die beiden Parteien beginnen sich aufs Schlimmste zu beharken. Ihre Doppelmoral wird sichtbar. So verurteilt Michel die Gewalttat des elfjährigen Ferdinand, aber selbst setzt er den Hamster seiner Tochter nachts aus, weil er dieses Tier hasst. Die vier Protagonisten entblößen ihre wahren Züge erst nach und nach.

Manchmal kann man sich ein Lachen nicht verkneifen. So, wenn Annette sich übergeben muss – auch wenn dabei irgendwie eine Mischung von Mitgefühl und Fremdschämen dabei aufkommt – und der Inhalt ihres Magens auf dem Anzug von Alain landet. Es kotzt sie im wahrsten Sinne des Wortes an, dass er ständig mit seinem Handy telefoniert. Fast diabolisch wird ihr Gesichtsausdruck, als sie es ihm schließlich entreißen kann und in der Vase versenkt. Die Paare kämpfen füreinander, gegeneinander und umeinander und immer wieder dringen die Enttäuschung und Verzweiflung an die Oberfläche. Und auch der gute Rum trägt seinen Teil dazu bei, dass es zur Eskalation kommt. Jeder schleudert dem anderen und sich selbst die Ansichten entgegegen.

Das Stück von Yasmina Reza ist offensichtlich nicht nur ein Leckerbissen für die Zuschauer, auch die vier Darsteller gehen in den pointierten Dialogen auf. Regisseur Michael Labs hat ganz eindeutig die perfekte Besetzung für die Aufführung des Stückes im Schau-Spiel-Studio Oberberg gefunden. Da ist Angela Harrock als Annette Reille. Eine Vermögensberaterin, die gleichzeitig lebhaft und elegant im straffen Hosenanzug mit nobler Umhängetasche, betroffen über die Aktion ihres Sohnes Ferdinand reagiert. Doch ihre Fassade bricht als erstes. Sie kotzt alles auf den Boden des Wohnzimmers aus, genau dorthin wo ein kostbarer Oskar Kokoschka Kunstkatalog von Veronique Houillé – dargestellt von Barbara Wiwianka – liegt, die daraufhin in wilder Panik und in hysterischer Reaktion vollkommen und wunderbar ausrastet, als ob die Welt gerade untergeht.

Ihren Mann Michel Houillé spielt Michael Albrecht. Michel, der den niedlichen Hamster seiner Tochter einfach ausgesetzt und das kleine Tier sich selbst überlassen hat, ist stets um Freundlichkeit bemüht und will es jedem Recht machen. Er neigt zu unangebrachten Scherzen und wird schnell cholerisch. Alain Reille, dargestellt von Ralph Pusch, ist Anwalt. Ein unruhiger, egozentrischer und korrupter Mensch, der die Situation nicht durch Konversation regeln will. Im legeren maßgeschneiderten Anzug, telefoniert er ständig, um einen Pharmaskandal zu vertuschen. Das Quartett meistert die anspruchsvolle Aufgabe, die dieses Stück mit sich bringt, mit Bravour. Nach der Uraufführung in Zürich 2006 avancierte „Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza schnell zu einem der weltweit meistgespielten zeitgenössischen Theaterstücke. Der Wiehler Regisseur Michael Labs hatte schon vor zwei Jahren ein Auge auf dieses Stück geworfen, bekam aber jetzt erst die Rechte für die Aufführung. Die großen Häuser haben es mittlerweile fast alle gespielt und auch die längst überfällige Verfilmung von „Gott des Gemetzels“ durch Roman Polanski liegt vor. Das kinogerecht inszeniertes Pointen-Feuerwerk wurde durch die ebenso prominente wie beeindruckende Besetzung mit Jodie Foster John C. Reilly, Kate Winslet und Christoph Waltz zum Fest für die Freunde intelligenter Unterhaltung. Und ebenso ein Fest bot sich dem Premierenpublikum am Freitagabend im Schau-Spiel-Studio Oberberg. Das Komisch-Tragische brillant umgesetzt von vier hervorragende Darstellern. Prädikat: empfehlenswert!

Vera Marzinski

„Der Gott des Gemetzels“ ist noch elf Mal in Wiehl zu sehen:
Sa. 29.09. 20 Uhr
So. 30.09. 18 Uhr
Mi. 03.10. 20 Uhr
Mi. 24.10. 20 Uhr
So. 28.10. 18 Uhr
Mi. 31.10. 20 Uhr
Fr. 02.11. 20 Uhr
Sa. 03.11. 20 Uhr
So. 04.11. 18 Uhr
Sa. 10.11. 20 Uhr
So. 11.11. 18 Uhr

Die Bilderserie wird präsentiert mit freundlicher Unterstützung durch:

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Fotos: Christian Melzer

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